Zur Restaurierung der J. G. Stein Orgel in Warlitz
Auszüge aus dem Restaurierungsbericht von Andreas Hahn (Jehmlich
Orgelbau Dresden)
Die
Warlitzer Orgel ist wieder zu neuem Leben erwacht. Um dies sagen zu können,
musste sie erst einmal ihren Atem ausgehaucht haben und fast in Vergessenheit
geraten sein. Wiederentdecktes wird oftmals mehr gewürdigt als etwas,
das beständig in unserem Bewusstsein lebendig ist. Rückblickend mag es
erlaubt sein zu formulieren, dass wir es auch als einen Glücksumstand
bezeichnen können, dass das Instrument über annähernd fünf Jahrzehnte
vernachlässigt und fast vollständig aus dem Bewusstsein der Umwelt entglitten
war. Es schlummerte einen Dornröschenschlaf. Niemand fand sich im Umfeld,
der sich darum kümmerte, es am Leben zu erhalten oder ihm neuen Atem einzuhauchen.
Geschah es aus Unkenntnis über dessen Wert? Waren es Interesselosigkeit
oder auch nur die (Geld-) Not der Zeit? Was immer die Gründe gewesen sein
mögen, sie führten dazu, dass der Zahn der Zeit an Kirche und Orgel heftig
nagen konnte. Vielleicht waren die Nöte der Zeit aber auch Schutz und
Schild, um das Instrument vor noch Schlimmerem zu bewahren. Man respektierte
es an seinem Ort und niemand kam auf den Gedanken, es durch etwas "Neues"
zu ersetzten, wie es an manch anderen Orten der Fall war. Dieser Verlust
blieb uns erspart Als die Zeit reif war den Dornröschenschlaf zu beenden,
führten glückliche Umstände und großzügiges Engagement dazu, diese(n)
Orgel(-schatz) wieder ins Bewusstsein zurück zu holen und ihm neues Leben
ein zu hauchen.
Archivalische Unterlagen zur Entstehungsgeschichte des
Instrumentes sowie für die Zeit nach seiner Erbauung sind nicht erhalten
geblieben. Bis in das Jahr 2000 hinein galt der Erbauer des Instrumentes
als unbekannt. Jan von Busch gelang die Zuordnung zur Werkstätte Steins.
Dies ist um sehr mehr von Bedeutsamtkeit, da aus dem Schaffen J.G. Steins
nur ein weiteres Instrument (Trebel) weitestgehend unverändert erhalten
geblieben ist. Bedeutsamkeit erlangt das Warlitzer Instrument weiterhin
durch sein Eingebettetsein in den stilrein erhaltenen Kirchbau. Angelegt
im Rokkokostil, zeugt die künstlerische Handschrift der Erbauer von hohem
Einfühlungvermögen und großer künstlerischer Sicherheit. Fertiggestellt
wurde das Instrument wahrscheinlich um 1768 im Zusammenhang mit der Vollendung
der Kirche. Für die mecklenburgische Orgellandschaft in höchstem Maße
bedeutsam ist u.a. das Register Dulcian 8', welches das älteste erhaltene
seiner Art in Mecklenburg darstellt. Gleiches trifft auf das Register
Tertian 2f. zu, das zudem als repetierende Kleinmixtur in Norddeutschland
insgesamt sehr selten vorfindlich ist. Auch die Salicena 4' ist von enormem
Seltenheitswert. Weiterhin besitzt der im Originalzustand erhaltene Wippfeder-Auslaßtremulant
hohen Seltenheitswert. Über Reparatur- und Wartungsarbeiten ist wenig
bekannt. Wie aus einer Gehäuseinschrift zu erkennen ist, wurde die Orgel
nachweislich 1813 durch Friedrich Friese (I) repariert. 1875 wurde das
Instrument durch Friedrich Friese (III) um ein angehängtes Pedal erweitert.
1917 wurden die Prospektpfeifen aus Zinn, wie vielerorts, für die Kriegswirtschaft
abgeführt. Anschließend wurden die Prospektfelder mit Tüchern abgehängt.
Im Laufe der Geschichte wurde das Instrument mit einem Dach und einem
verschließbaren zweitürigen Spieltischvorbau versehen. In den 1950er Jahren
dürfte das Instrument das letzte Mal geklungen haben. Vor Beginn der Ausbauarbeiten
2001 wurde das Instrument in einem stark verwahrlosten Zustand und unspielbar
vorgefunden.
Die Restaurierungsmaßnahmen
Der Einhaltung orgeldenkmalpflegerischer Kriterien wurde
gemäß der kulturhistorischen Bedeutung des Instrumentes oberste Priorität
beigemessen. Das Restaurierungskonzept sah vor, die Orgel weitestgehend
auf ihren ursprünglichen Zustand zurückzuführen, sofern dieser nachweisbar
war. Als gewachsener Bestand wurde das angehängte Pedal erhalten. Gebrauchsspuren
und Patina, die Teil der Ausstrahlung des Instrumentes ausmachen, wurden
nicht beseitigt. Anspruch der Restaurierung war es nicht, vorfindliche
Unzulänglichkeiten in der Materialauswahl sowie der Verarbeitung des Erbauers
unseren handwerklichen Ansprüchen gemäß zu verändern. Das Instrument in
seinem unrestaurierten und über Jahrzehnte unberührten Zustand wurde trotz
der Verwendung von - aus unserer Sicht - Materialien teilweise geringerer
Güte und minderer Verarbeitungsqualität als Glücksfall eines erhaltenen
Instrumentes angesehen, welches als Zeitdokument höchsten Respekt verdient.
Das Pfeifenwerk
Viel Aufwand erforderte die Restaurierung des Pfeifenwerkes und die Rekonstruktion
der fehlenden oder nicht wieder verwendbaren Pfeifen. Das Instrument verfügt
über insgesamt 566 Pfeifen. Davon sind 334 ohne Modifikationen im Originalzustand
erhalten geblieben. Dies entspricht einem Erhaltungsgrad von 59 % an Originalsubstanz.
85 Pfeifen wurden neu hergestellt (davon allein 45 für den Prospekt).
Dies entspricht einem Anteil von 15% bezogen auf den Gesamtbestand. An
den restlichen 26 % des Pfeifenwerkes wurden im Rahmen der Restaurierung
kleinere Modifikationen vorgenommen. Dabei handelte es sich u.A. um die
Anlängungen von Metallpfeifen, um diese auf Tonhöhe einstimmen zu können
oder um den Austausch einzelner, übermäßig stark vom Holzwurm zerfressenen
Seiten bei Holzpfeifen. Im Register Dulcian 8' mussten zusätzlich verwurmte
Zungenstiefel und Köpfe rekonstruiert werden. Das Pfeifenwerk erwies sich
als äußerst dünnwandig und dadurch recht schwierig in der Handhabung.
Schon ein "entschiedeneres" Zupacken führte zu Verformungen, die erst
mühsam wieder beseitigt werden mußten.
Blick auf das Pfeifenwerk vor der Restaurierung
 
Blick auf das Pfeifenwerk nach der Restaurierung

Windlade
Die Restaurierung der Windlade erwies sich ebenso als sehr aufwendig.
Die flächig belederte Oberseite wurde durchgängig neu beledert, die Ventile
neu belegt und angeschwänzt. Bei früher schon entstandenen Undichtigkeiten
waren die Pfeifenstöcke in der Hälfte ihrer Länge fast vollständig durchgetrennt
worden. Dies sollte bewirken, daß sie durch die kürzere Länge mittels
den vorhandenen hölzernen Stockschrauben besser den Unebenheiten der Windladenoberfläche
angepaßt werden konnten. Nach dem Abrichten der Windladenoberflächen wurden
die Stöcke wieder auf ihre ursprüngliche Länge gebracht. Abgebrochene
oder durch übermäßigen Wurmfraß nicht wieder verwendbare Holzschrauben
wurden detailgetreu rekonstruiert.
Blick auf die Windlade ohne Pfeifenwerk und mit teilweise eingebautem
Pfeifenwerk
 
Balganlage
Die Orgel verfügt über zwei Keilbälge mit dazugehöriger Tretanlage im
Turm hinter der Orgel. Die Belederung der Bälge war hochgradig verschlissen
und teilweise mehrfach überledert. Die alten Belederungen wurden entfernt,
die Oberflächen aufwendig von den nicht originalen Bolusanstrichen befreit.
Die Bälge wurden erstmals seit der Fertigstellung des Instrumentes geöffnet
und neu beledert. Die als Scharniere verwendeten eingebohrten Pferdeflexen
an den Scharnierseiten erwiesen sich als weiterhin verwendbar. Die Falten
waren interessanterweise nicht mit eingebohrten Pferdeflexen als Scharniere
versehen, sondern nur mit breit ausgefächerten, flach aufgeleimten Pferdeflexen
(pro Balg 244 Stück). Diese im Abstand von jeweils 22-24 cm aufgeleimten
Flexen mußten größtenteils erneuert werden. Einzelne von ihnen waren jedoch
auch nach über 230 Jahren wieder verwendbar. Die stillgelegte Tretanlage
wurde wieder gangbar eingerichtet, so dass die Orgel jetzt wieder unter
zu Hilfenahme eines Bälgetreters (Calcanten) benutzt werden kann. Zusätzlich
erhielt das Instrument erstmalig einen elektrischen Gebläsemotor, der
die Bälge mit Wind versorgt. Gewinn und Verlust zugleich. Ein Gewinn dadurch,
daß zukünftig für das Spiel der Orgel kein Bälgetreter unbedingt mehr
benötigt wird. Dies war bis zum Verstummen des Instrumentes immer noch
der Fall gewesen. Andererseits ein Verlust, weil damit eine Besonderheit
des Instrumentes aufgegeben wurde. Dieses Zugeständnis an die heute übliche
Nutzungspraxis wird jedoch niemand ernstlich beklagen.
Die Bälge in unrestauriertem Zustand

Die Orgel verfügt über zwei Keilbälge mit dazugehöriger Tretanlage im
Turm hinter der Orgel.
Die Bälge während und nach der Restaurierung
Windkanäle,Tremulant, Calcantenglocke
Die Kanalanlage wurde vollständig auseinander genommen und neu abgedichtet.
Trotz des schlechten Zustandes in dem sie vorgefundenen wurde, konnte
sie nach ihrer Überarbeitung vollständig wieder verwendet werden.
Teile der Kanalanlage vor und nach der Restaurierung

Der Tremulant vor und nach der Restaurierung

Manualklaviatur
Die Manualklaviatur wurde ähnlich wie alle anderen Orgelteile
in einem schlechten Zustand vorgefunden. Es fehlten etliche Tastenbeläge.
Die Polsterungen waren verschlissen. Im Rahmen der Restaurierung wurden
fehlende Untertastenbeläge in Ebenholz und fehlende Obertastenbeläge in
Knochen erneuert. Die in einer Zinn-Bleilegierung gearbeiteten filigranen
Stirnkantenplättchen waren teilweise nicht mehr vorhanden oder durch starke
Metallkorrosion von Zersetzung, bis hin zur Pulverisierung, betroffen.
Die fehlenden oder zu stark von Korrosion betroffenen Stirnkantenplättchen
wurden nachgegossen. 9 originale Stirnkantenplättchen konnten erhalten
werden.
Die Manualklaviatur vor der Restaurierung
Die Manualklaviatur nach der Restaurierung
 
Ton- und Registertraktur
Sämtliche Teile der Ton- und Registertraktur waren weitestgehend
im Originalzustand erhalten. Die Wellen des Wellenbrettes wurden ausgebaut.
Lagespiel wurde durch Einsetzen von Achsen größeren Durchmessers reduziert.
4 Wellenärmchen waren abgebrochen und mußten erneuert werden . Im waagerecht
verlaufenden Teil der Tontraktur wurden Abstrakten erneuert.
Einblicke in Ton- und Registertraktur nach der Restaurierung
 
Die Intonation
Dem nach unseren heutigen Maßstäben in schlechter Qualität
gefertigten Pfeifenwerk war es zuzuschreiben, daß bei Beginn der Arbeiten
etliche Zweifel darüber bestanden, in wie weit die Arbeiten zu einem befriedigenden
Klangergebnis würden führen können. Die Herstellung des Pfeifenwerkes
geschah unter Verwendung von Materialien nicht allerbester Qualität. Die
dünnen Wandungen sind mglw. als das Ergebnis von Sparzwängen (bzw. Bemühungen)
zu werten. Darüber lassen sich nur Mutmaßungen anstellen. Die schlechte
Qualität der Lötnähte ist allerdings eindeutig den mangelnden Fähigkeiten
des Herstellers zuzuschreiben. Neben diesen Unzulänglichkeiten des "Ausgangsmaterials"
sind im Laufe der Geschichte des Instrumentes irreparable mechanische
Schäden entstanden. Die nachfolgenden Reparaturen haben ihrerseits Spuren
hinterlassen. Andererseits ist ein Großteil der Pfeifenwerkes offensichtlich
recht unberührt geblieben. Dies wiederum bedeutete, einen Schatz vor sich
zu haben, den es nur zu bergen und möglichst sensibel wieder zu beleben
galt. Den ausführenden Intonateuren lag es am Herzen, möglichst frei vom
Zeitgeschmack eine Intonation auszuführen, die sich soweit als möglich
dem ursprünglichen Klangbild nähert. Richtschnur bildeten dabei die Vorgaben
des Pfeifenwerks und ein Bemühen um Authentizität. Bleibt zu hoffen, dass
diese sensible Restaurierungspraxis sich positiv im Arbeitsergebnis widerspiegelt.
Hören und erfreuen Sie sich nun selbst an diesem wieder zum Leben erweckten
(Klang-) Schatz. Möge ihm noch ein langes Leben beschert sein.
Andreas Hahn, Jehmlich Orgelbau Dresden
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