Anmerkung zur Restaurierung des Instrumentes (1999-2000)
von Andreas Hahn (Jehmlich Orgelbau Dresden)
Jede
Orgel verfügt über eine ihr eigene Biographie. Nur selten kommt es vor,
daß diese Biographie bei historischen Orgeln frei von Brüchen ist, wie
wir es uns in unserer Idealvorstellung vielleicht wünschen würden. Auch
die Ladegast Orgel zu Reichenbach ist hiervon betroffen. Auch ihre Biographie
weist Brüche auf. Zur Fertigstellung und Abnahme der Orgel am 12. März
1866 freute sich der begutachtende Sachverständige Herr Organist F.W.
Görmar aus Görlitz, "daß die Kirchgemeinde endlich in den Besitz eines
so vorzüglichen Meisterwerkes gekommen ist", denn "lange genug hat dieselbe
den Genuß eines erbaulichen Orgeltons entbehren müssen." Wie lange mag
diese Freude wohl angehalten haben? Der I. Weltkrieg raubt dem Instrument
seine Prospektpfeifen aus Zinn. Sie werden für die Kriegswirtschaft eingeschmolzen.
1920 werden diese zwar durch Nachbauten aus Zink ersetzt, jedoch sind
ihre klanglichen Eigenschaften nicht mit den verlorengegangenden Pfeifen
aus Zinn zu vergleichen. Der sich im Laufe der Jahrzehnte wandelnde Klanggeschmack
fordert zusätzlich seinen ersten Tribut. Das der originalen Disposition
zugehörige Register Viola di Gambe 8' wird durch eine Aeoline 8' ersetzt.
Bis in das Jahr 1935 hatte sich soviel Kritik an der Orgel angestaut,
daß der Bezirksobmann im Landesverband der evang. Kirchenchöre Schlesienes
und Organist der Peterskirche in Görlitz Herr Wenzel schreiben konnte:
"Die alte Disposition entspricht in keiner Weise mehr den Anforderungen,
die heute an eine Orgel, auch in kleinen Gemeinden zu stellen sind." Drastischer
noch drückte sich schon zuvor am 9. November 1934 der Orgelsachverständige
Otto Burkhart aus Breslau in einem Brief an die damalige Reichenbacher
Organistin Erika Nowack aus: "Ihre Orgel ist ja geradezu ein Monstrum
an Disposition. Der Orgelbauer der eine solche Orgel gebaut hat, hat sicherlich
schlecht intoniert, ja wahrscheinlich auch schlechtes Material verwendet.
... . Ich wünsche Ihnen, daß die Gemeinde Ihnen ihre Liebe für Ihre Arbeit
dadurch belohnt, daß sie Ihnen diesen Jammerkasten durch Änderung der
Disposition verbessert. Am besten, man trüge noch einhundert Holzwürmer
in die Orgel hinein und überließe sie ihnen zum Fraß." Sein Urteil fällt
vernichtend aus. Möglicherweise hat er die Orgel nie zu Gesicht bekommen
und bildete sich sein Urteil allein auf Grund schriftlicher Angaben, die
er von der Organistin erhalten hatte. Der Argumente waren jedoch genug
gesammelt und man schritt zur Tat, um das Instrument grundlegend in seiner
klanglichen Erscheinung zu verändern. Die Disposition wurde im Sinne des
Zeitgeschmacks abgeändert. Sicherlich wurde auch in Erwägung gezogen das
Instrument durch einen Neubau zu ersetzen. Ganz soweit kam es glücklicherweise
nicht. Nach der Umdisponierung im Jahre 1935 waren 5 der insgesamt 17
Register vollständig ersetzt worden (Violon 16', Cello 8', Baßflöte 5
1/3', Viola di Gambe 8' und Dublette 3'+2') andere wurden umgearbeitet
und umbenannt (Doppelflöte 8' wurde zu Doppelgedackt 8', Flauto traversa
8' wurde zu Holzflöte 4', Cornett wurde zu Sesquialter 2fach). Die originale
Kastenbalganlage verschwand und wurde durch einen Doppelfaltenmaganzinbalg
mit Schöpfer ersetzt. Das Problem des mit einem Viertelton (452Hz) über
Normal (440 Hz) liegenden Kammertons in dem die Orgel eingestimmt war,
wurde durch Eingriffe in die Traktur, Vorbau von zusätzlichen C Pfeifen
im I. Manual und Nachrücken von Pfeifen im II. Manual gelöst.
Dies war der vorfindliche Zustand des Instrumentes als man begann sich
Gedanken über eine grundlegende Restaurierung zu machen. Fast sieben Jahrzehnte
nach dem Umbau war es notwendig geworden das Instrument grundlegend zu
restaurieren. Mittlerweile war auch das Bewußtsein dafür gewachsen, daß
der Umbau von 1935 als Modernisierungsmaßnahme zu verstehen war, die den
ursprünglichen Intentionen des Erbauers entgegenstand und wieder rückgängig
gemacht werden sollte. Von Seiten der Kirchgemeinde, dem Landesdenkmalamt
und der mit der Ausführung der Arbeiten betrauten Firma Jehmlich Orgelbau
aus Dresden herrschte Einigkeit darüber, daß die Orgel unter Beachtung
strengster denkmalpflegerischer Kriterien zu restaurieren sei.
Das erarbeitete Restaurierungskonzept schloß die Rekonstruktion des verlorengegangen
Originalbestandes des Pfeifenwerks, sowie die Wiederherstellung der originalen
Disposition ein. Die Orgel sollte in den vom Erbauer geschaffenen Originalzustand
zurückversetzt werden, um sie in ihrer ursprünglichen Klanggestalt wieder
erlebbar zu machen. Um dies zu gewährleisten waren vor Beginn der Arbeiten
umfangreiche Recherchearbeiten zu leisten. Zwar sind die originalen Kostenvoranschläge
für die Orgel, sowie ein umfangreiches Abnahmegutachten aus dem Jahre
1866 , aus denen jeweils wertvolle Informationen über den Originalzustand
entnommen werden konnten vorhanden, jedoch reichten diese Quellen nicht
aus, um alle Fragen die Disposition, die Bauform und Mensuren der fehlenden
Register und deren Aufstellungsort in der Orgel zu beantworten. Um Rückschlüsse
auf den Originalzustand der Reichenbacher Orgel ziehen zu können, wurden
noch weitestgehend im Originalzustand erhalten gebliebene Schwesterinstrumente
aus der gleichen Schaffensperiode Ladegasts besichtigt. Vorbilder für
die zu rekonstruierenden Register Violon 16', Cello 8', Gambe 8' lieferten
hierbei insbesondere die Ladegastorgeln in Zöschen (1863, II Man./18 Register),
für die Baßflöte 51/3' die Ladegastorgel in der St. Marien- Magdalenenkirche
in Naumburg (1869, II.Man./23 Register) und für das Register Dublette
3' + 2' die nicht mehr erhaltene aber ausführlich beschriebene Orgel im
Wiener Musikvereinssaal aus dem Jahre 1870. Insbesondere für die letzten
beiden Register war es etwas schwierig geeignete Vorbilder zu finden,
da sie in der Art, wie sie in der Reichenbacher Orgel vorhanden waren,
nicht häufig von Ladegast gebaut wurden. Die Orgel verfügt über insgesamt
982 Pfeifen. 619 sind davon in Metall gefertigt, 363 in Holz.
 Die
Größte Holzpfeife weist eine Länge von über 5,2 m auf. Rekonstruiert werden
mußten insgesamt 112 Holzpfeifen und 187 Metallpfeifen. Darin eingeschlossen
sind die 35 Prospektpfeifen. Sie wurden in originaler 14löthiger Zinnlegierung
hergestellt. Vom Originalbestand des Pfeifenwerkes von 1866 sind somit
noch rund 70% erhalten. Alle pneumatischen Zusatzaparate und deren Ansteuerung
wurden aus der Orgel entfernt. Die Tontraktur des Tones f3 im II. Manual
wurde rekonstruiert. Die nicht mehr im Original vorhandenen Wellenärmchen
in der Tontraktur für Ansteuerung der Pedalventile mußten in orignaler
Bau- und Holzart rekonstruiert werden. Die Pedalwindladen wurden ausgebaut
und in der Werkstatt überarbeitet. Ein früher entstandener Wasserschaden
hatte die Verleimung der Fundamentböden gelöst, so daß diese notdürftig
mit über 100 Schrauben befestigt gewesen waren. Die Fundamentböden wurden
wieder mit Warmleim aufgeleimt und die Schraubenlöcher mit Holzdübeln
zugesetzt. Die Pfeifenstöcke der umgearbeiteten Register mußten wieder
in ihre originale Gestalt zurückversetzt werden. Keine leichte Aufgabe,
galt es doch einem Puzzlespiel gleich herauszufinden welcher Pfeifenstock
welchem Register zuzuordnen sei und welche Bohrung eine originale ist
und welche eine späterhin veränderte. Dies Alles mußte dann noch in Einklang
mit den Resten der originalen Pfeifenhalter und deren Auflager am Gehäuse
gebracht werden. Um die Pfeifen der rekonstruierten Register Violon 16'
und Cello 8' auf ihre angestammten Plätzen auf den Pedalwindladen unterbringen
zu können, mußte die 1935 geänderte Windkanalführung zu den Manualladen
wieder rückgängig gemacht werden. Neben der Balganlage aus dem Jahre 1935
die beibehalten wurde, wurde ein neuer Orgelmotor in einem schallisolierten
Kasten installiert. Aus dem Spielschrank wurden alle elektrischen Schaltelemente
entfernt. Ein Porzellanmaler fertigte neue Porzellanschilder für die rekonstruierten
Register.
Die
Überarbeitung der farblichen Fassung des Orgelgehäuses, sowie der zwei
aufgesetzten Engelfiguren erfolgte durch die Restauratoren Anke und Jan
Großmann. Gerungen wurde um die Entscheidung welcher Art die Stimmtonhöhe
des Instrumentes sein sollte. Erst im Laufe der Arbeiten hatte es sich
zur Überraschung aller Beteiligten herausgestellt, daß die Orgel ursprünglich
auf 452 Hz eingestimmt war. Spuren am originalen Pfeifenwerk ließen nur
den Schluß zu, daß die Orgel im sogenannten Berliner Kammerton von 1858
eingestimmt war. Seit den 20er Jahren des 19.Jh. gab es Tendenzen die
Kammertonhöhe kontinuierlich zu steigern. Dies war vor allem dem Bestreben
geschuldet dem Orchesterklang mehr Brillianz zu verleihen. Erst 1885 einigte
man sich auf der Wiener Stimmtonkonferenz dieser Tendenz der Überhöhung
Einhalt zu gebieten und legte den Kammerton auf 435 Hz fest. Die Wiedereinrichtung
des Kammertons von 452 Hz hätte eine wesentliche Einschränkung der musikalischen
Nutzungsmöglichkeiten, insbesondere im Zusammenspiel mit anderen Blasinstrumenten
zur Folge gehabt. So einigte man sich hier auf einen Kompromiß. Teile
des Pfeifenwerkes, die auch schon 1935 nach dem Davorstellen einer Pfeife
in den einzelnen Registern und Nachrücken der Folgepfeifen gekürzt worden
waren, wurden angelängt. Somit konnte annähernd eine Kammertonhöhe im
Bereich der heute üblichen 440 Hz erreicht werden. Rund 3000 Arbeitsstunden
wurden geleistet. Um dem Zahn der Zeit entgegenzuwirken, um die Spuren
eines (hoffentlich) erloschenen Zeitgeistes zu beseitigen, und nicht zuletzt
um damit die Brüche in der Biographie des Instrumentes zu glätten. Mögen
an den Schluß die Worte gestellt sein, die schon den Abschluß des Revisionsprotokolls
vom 22. März 1866 bildeten. "Das Werk, zur Ehre Gottes bestimmt, möge
bis in ferne Zeiten vor Zerstörung behütet bleiben, und so den Zweck erfüllen,
zu welchem es bestimmt ist.
Dresden, den 31. Mai 2000
Andreas Hahn
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