Basilika Mariä-Himmelfahrt in Krzeszów (Grüssau)

Basilika Mariä-Himmelfahrt in Krzeszów (Grüssau) Polen

Erbauer: Michael Engler 1732-1736
Restaurierung:
Jehmlich Orgelbau Dresden GmbH 2007-2008
Spieltraktur: mechanisch
Registertraktur: mechanisch
Ladensystem: Schleifladen

 

Disposition:

   
II. HAUPTWERK C,D-c3   III. BRUSTWERK C,D-c3
1. Principal
8'
  15. Principal
8'
2. Bordunflöte
16'
  16. Rohrflaut
8'
3. Quintadena
16'
  17. Flaut traveur
8'
4. Viola di Gamba
16'
  18. Octava
4'
5. Flaut major
8'
  19. Flaut minor
4'
6. Gemshorn
8'
  20. Quinta
3'
7. Salicet
8'
  21. Superoctava
2'
8. Octava
4'
  22. Quinta
1 1/2'
9. Nachthorn
4'
  23. Sedecima
1'
10. Gemshornquinta
3'
  24. Mixtura IV chor
1 1/2'
11. Superoctava
2'
  25. Trombet
8'
12. Mixtura VI chor
2'
  26. Vox humana
8'
13. Cimbal II chor
1 1/2'
     
14. Unda maris
8'
     
 
     
I. RÜCKPOSITIV C,D-c3
  PEDAL C,D-c1
27. Principal
8'
  37. Principal
16'
28. Flaut amabile
8'
  38. Majorbass
32'
29. Flaut allemande
8'
  39. Violonbass
16'
30. Quintadena
8'
  40. Subbass
16'
31. Octava
4'
  41. Salicional
16'
32. Quinta
3'
  42. Quintadena
16'
33. Superoctava
2'
  43. Octava
8'
34. Sedecima
1'
  44. Flaut (Spitzflöte)
8'
35. Mixtura III chor
1'
  45. Gemshornquinta
6'
36. Hautbois
8'
  46. Superoctava
4'
      47. Mixtura VI chor
3'
      48. Posaunen Bass
32'
      49. Posaunen Bass
16'
      50. Trombet Bass
8'
 
     
KOPPELN UND SPIELHILFEN  
Manualkoppeln: I/II, II/III  
10 Sperrventile  
Kammertonbässe (Doppelschleifen)  
Subbaß 16'  
Salicional 16'  
Quintadena 16'  
Octava 8'  
Transponiermöglichkeit des Rückpositivs auf Kammerton  
Calcanten-Glöcklein  
   

 

Nach fast zwei Jahre andauernden Restaurierungs- und Rekonstruktionsarbeiten durch unsere Mitarbeiter wurde die Orgel am 12. Oktober 2008 in einem Festgottesdienst mit dem Bischof wieder geweiht. Das anschließende Weihekonzert wurde von 4 Organisten gespielt - Prof. Chorosinski/Warschau, Prof. Krummacher/Leipzig, Prof. Perutzki/Danzig und Kreuzorganisten Gehring/Dresden. An den Folgetagen wurden Fachvorträge gehalten und der Orgelwettbewerb "Junges Europa" durchgeführt.

 

Orgelprospekt

Detail OrgelprospektSpieltisch

Wiedereinweihung der Orgel

 

Zur Restaurierung der Michael Engler Orgel in Krzeszów (Grüssau)
Auszüge aus der Festschrift von Andreas Hahn, Jehmlich Orgelbau Dresden

Detail Orgelprospekt

Die von Michael Engler dem Jüngeren in den Jahren 1732-1736 erbaute Orgel in der Basilika Mariä-Himmelfahrt Krzeszów (Grüssau) stellt ein Denkmal von überregional herausragender Bedeutung dar. Mit 50 Registern, verteilt auf drei Manuale und Pedal, handelt es sich dabei um die bedeutendste Barockorgel Schlesiens. Das opulent angelegte Gehäuse birgt einen Instrumentenschatz, der, sowohl nach künstlerischen als auch nach handwerklichen Kriterien beurteilt, zu den herausragenden Leistungen des barocken Orgelbaus in Europa zählt.

Leben und Werk Michael Englers geben uns nach wie vor Rätsel auf. Um Auskunft über eine der herausragendsten Orgelbauerpersönlichkeiten seiner Zeit zu erhalten sind wir, neben dürren biographischen Lebensdaten (1688-1760) auf die wenigen erhaltenen Instrumente Englers und ein lückenhaftes Opusverzeichnis angewiesen. „Nach der großen Zahl und Bedeutung der von ihm ausgeführten Orgeln ist Engler unstreitig der größte Orgelbauer, den die Provinz Schlesien hervorgebracht hat“, lautete ein aus dem Jahre 1829 überliefertes Urteil über sein Vermächtnis.
In seinem Wirken war er ähnlich produktiv wie sein Zeitgenosse Gottfried Silbermann (1683-1753). Im Unterschied zu dessen rund 30 erhaltenen Instrumenten sind neben fragmentarisch erhaltenen Instrumenten nur zwei nennenswerte Orgeln Englers erhalten. Neben der Grüssauer Orgel handelt es sich dabei um die große Orgel in der Kirche St. Mauritz in Olmütz. Das 1745 fertig gestellte Instrument verfügte ursprünglich über 44 Register verteilt auf drei Manuale. Es wurde in den Jahren 1963-1967 unter Einbeziehung des historischen Bestandes auf 96 Register und fünf Manuale erweitert.

Besonderheiten der Grüssauer Engler Orgel

Die Orgel ist mit 50 Registern für den Entstehungszeitraum außergewöhnlich groß. „In Grüssau dürfte die Absicht, das 1729 vollendete Instrument für die evangelische Gnadenkirche in Landeshut von 45 klingenden Stimmen auf drei Manualen und Pedal zu übertreffen, bei der Planung mitgespielt haben. Der künstlerische Wettbewerb zwischen Katholiken und Protestanten scheint in Schlesien wiederholt reicher ausgestattete Instrumente verursacht zu haben.“ „Das Gehäuse wurde wohl nach dem von Engler und Stiftsbildhauer Anton Dorasil (1696-1739) vereinbarten, von Dorasil gezeichneten Plan vom Stiftstischler hergestellt.“
Zu den großen Besonderheiten der Grüssauer Orgel zählt die Möglichkeit, das Rückpositiv um einen Ganzton tiefer auf barocke Kammertonstimmung transponieren zu können. Kontra B 1 stellt somit den tiefsten Ton dar. B 1 Pfeifen wurden im Rückpositiv jedoch lediglich für 3 von insgesamt 10 Registern gebaut. Zusätzlich gibt es im Pedal 4 „Kammertonbässe“. Diese sind ebenso transponierbar eingerichtet. Um die Transponiereinrichtung betätigen zu können werden die Tasten des I. Manuals mittels eines Registerzuges angehoben (Copula 1 ma Cammerton). Mit Hilfe eines zweiten Registerzuges (Copula 2 da Cammerton) wird die Mechanik des Rückpositives um einen Ganzton versetzt.

Veränderungen an der Orgel durch Fa. Schlag & Söhne

Die Fa. Schlag & Söhne führte im Jahr 1873-1874 umfangreiche Reparatur- und Modernisierungsarbeiten an der Orgel aus. Diese beinhalteten eine Anpassung an den vorherrschenden Zeitgeschmack. Dabei wurden die fünf Zungenregister Englers entfernt. Sie wurden durch neue Zungenregister mit modernen „Durchschlagzungen“ ersetzt. Das Hauptwerk erhielt zusätzlich ein Register Trompete 16’.
Die Manualklaviaturen und die Pedalklaviatur Englers wurden entfernt und durch Klaviaturen neuester Bauart mit ergänzten Tasten für Cis ersetzt. Die alten Registerschilder wurden entfernt. Im Gegenzug wurden die Stirnkanten der Registerzugknöpfe ausgebohrt und mit beschrifteten Registerknöpfen aus Meissner Porzellan versehen.

Spieltisch mit Barkermaschine in vorgefundenem ZustandDie vermutlich in der Kritik stehende „schwergängige“ Spielart der Orgel wurde durch den Einbau einer „Barkermaschine“, entsprechend neuester Entwicklungen im Orgelbau leichtgängiger gemacht. Um die Barkermaschine einbauen zu können wurde ein Teil der Wellenbrettes des Oberwerks und Hauptwerkes entfernt.
Die Transponiervorrichtung für das Rückpositiv und die vier Kammertonbässe des Pedals wurden stillgelegt. Im Gegenzug erfolgte der Einbau einer Pedalkoppel.
Die Zusammensetzung der Mixturen wurde verändert. Grundsätzlich wurden Terzchöre entfernt. Die ursprünglich 6fach angelegten Mixturen im Hauptwerk und im Pedal wurden auf 4fach reduziert. Die 3fache Mixtur im Rückpositiv entfiel und wurde gegen das Register Salicional 8’ ausgetauscht. Im Hauptwerk wurde ein bis dahin nicht vorhandenes Register Cornett 3fach eingebaut. Die Register Sedecima 1’ im Rückpositiv und im Oberwerk entfielen. Über den Windladen des Hauptwerkes wurden zwei neue Windladen mit jeweils drei Registern installiert.

Widerstreitende Konzepte

Eine der Fragen vor Beginn der Arbeiten lautete: Wie sollte mit den im 19. Jh. an der Orgel vorgenommen Veränderungen umgegangen werden? Sollten sie beibehalten werden oder sollte eine möglichst detailgetreue Rückführung auf den Erbauungszustand erfolgen? Vertreter dieser zwei widerstreitenden Seiten hatten gute Argumente vorzuweisen. Die Erhaltung des gewachsenen Bestandes hätte bedeutet, dass eine respektable handwerkliche Leistung dauerhafte Anerkennung erfahren hätte. In technischer Hinsicht war diese zur Zeit ihrer Durchführung von der Absicht geleitet worden, die Spielart zu erleichtern. In klanglicher Hinsicht fand eine Anpassung an den damaligen Zeitgeschmack statt. Nach über 130 Jahren, fast der Hälfte der Lebenszeit der Orgel, konnte beides ohne weiteres als historisch gewachsener Bestand bezeichnet werden.
Dagegen sprach, dass durch die Eingriffe im 19. Jh. das künstlerische und musikalische Gesamtkonzept Englers empfindlich gestört worden war. Zumindest posthum sollte dem in sich geschlossenen Gesamtkonzept eine höhere Bedeutung beigemessen werden als dem durch die Eingriffe im 19. Jh. entstanden Mischzustand. Das Abwägen von Zeitschichten gegeneinander ist eine gängige Aufgabenstellung in der Denkmalpflege. Oft genug steht am Ende der Erhalt einer historisch gewachsenen Vielschichtigkeit. Leistungen vergangener Generationen sollten nicht leichtfertig schlecht geredet und aufgegeben werden.

Im Falle der Grüssauer Orgel fiel die Entscheidung zu Gunsten einer möglichst detailgetreuen Wiederannäherung an den ursprünglichen Zustand. Dem künstlerisch geschlossenen Gesamtkonzept Englers wurde größere Bedeutung beigemessen als dem vorgefundenen Mischzustand. Die Einheit von Kirchenraum und opulentem Orgelgehäuse sollte sich im Innern in einem in sich geschlossenen barocken Instrument mit entsprechender Klangaussage widerspiegeln.

 

Die Restaurierungsarbeiten: Ein Überblick

Die Orgel wurde in einem stark vernachlässigten Zustand vorgefunden. Während der letzten Jahrzehnte waren keine sachgemäßen Instandhaltungsarbeiten erfolgt. Neben einem hohen Verschmutzungsgrad wies das Pfeifenwerk aus Metall starke Schäden auf. Unsachgemäße Reparaturarbeiten, stümperhafte Lötarbeiten, zerdrückte Pfeifenkörper und Mündungen sowie Setzungserscheinungen durch Materialermüdungen waren auf den ersten Blick sichtbar. Die Windanlage war undicht. Um das Instrument spielbar zu erhalten, war die undichte Belederung der Bälge mehrfach geflickt worden. Der Spieltisch war neben den Veränderungen durch den Einbau neuer Manualklaviaturen und einer Pedalklaviatur durch Schlag 1874 zusätzlich durch „moderne“ Zutaten wie Mikrophon und Elektroinstallationen optisch verunstaltet worden. Die Orgel gab zwar noch Töne von sich, doch das äußerlich sichtbar malträtierte Pfeifenwerk fand seinen hörbaren Ausdruck nur noch in einem müden und matten Klang.

Beginn der Arbeiten an der OrgelDie Orgel verbirgt sich hinter einem Labyrinth von Gerüststangen

Vor Beginn der Restaurierungsarbeiten fanden eine Bestandsaufnahme und eine Dokumentation des vorgefundenen Zustandes statt. Jede einzelne Pfeife wurde mit Angabe ihres jetzigen Standortes in der Orgel versehen. Dies war notwendig, da die Arbeiten durch Schlag im 19. Jh. nicht nur eine Veränderung der Disposition in einigen Registern beinhalteten, sondern auch in Teilen mit einer „Durchmischung“ des Pfeifenwerkes verbunden waren. Register waren teilweise umbenannt und auf andere Standorte in der Orgel umgestellt worden. Des Weiteren war die Zusammensetzung der Mixturen verändert worden. Zum einen waren Pfeifenreihen entfernt worden und zum anderen wurden innerhalb der Mixturen Pfeifen umgestellt, bzw. Pfeifen aus wegfallenden Registern den Mixturen zugeordnet. Es galt die ursprünglichen Standorte der versetzten Pfeifen herauszufinden und die ursprünglichen Zusammensetzungen der Mixturen zu ermitteln.

Das Pfeifenwerk

Die Orgel verfügt über 2806 Pfeifen. Davon befinden sich 311 Pfeifen auf insgesamt 26 Prospektpfeifenfelder verteilt in der Ansicht der Orgel. Darin eingeschlossen sind 68 stumme Prospektpfeifen. Annähernd 300 m Wind zuführende kleine Kanäle aus Holz (Kondukten) sind notwendig, um die Prospektpfeifen auch an weit von den Windladen entfernten Standorten mit Wind zu versorgen. 2500 Pfeifen sind aus Metall, 306 sind in Holz gefertigt. Die Metallpfeifen sind im Wesentlichen in zwei unterscheidenden Legierungen hergestellt. Das Metallpfeifenwerk zeugt von hoher handwerklicher Kunstfertigkeit. Nachteilig, aus der Perspektive desjenigen, der das Pfeifenwerk zur Bearbeitung in die Hand nehmen muss, erweist sich der Umstand, dass Engler insbesondere für das Innenpfeifenwerk eine „weiche“ Legierung mit hohem Bleianteil verwendete. Zusätzlich sind die Pfeifenwandungen dünn gewählt. Dies ist zwar von Vorteil für die Klangbildung, jedoch heikel bei Restaurierungs- und Stimmarbeiten. Die Restaurierung des Metallpfeifenwerkes, welche in Kooperation mit der Pfeifenwerkstatt Karl Meisinger erfolgte, gestaltete sich sehr aufwändig und diffizil. Zum Einen galt es, auf unsachgemäße Behandlung zurück zu führende Deformationen zu beseitigen. Zum Anderen waren umfangreiche Schäden durch laienhaft ausgeführte Reparaturen zu verzeichnen. Letztere waren teilweise mit derart massiven Eingriffen in die Substanz geschehen, dass ihre Spuren auch am restaurierten Pfeifenwerk dauerhaft ablesbar bleiben.

Pfeifenwerk vor der Restaurierung

Vorgefundene Schadensbilder am PfeifenwerkVorgefundene Schadensbilder am Pfeifenwerk

Metallpfeife mit beschädigter Mündung vor und nach der Restaurierung

Metallpfeife mit beschädigter Mündung vor der RestaurierungMetallpfeifenmündung nach der Restaurierung

Pfeifenwerk im Hauptwerk nach der Restaurierung

Pfeifenwerk im Hauptwerk nach der Restaurierung

Die Windladen

Die Orgel verfügt über 14 Windladen. Die Windladen von Hauptwerk, Oberwerk, Kleinpedal und Prospekt befinden sich auf Höhe des unteren Gehäuseprofilkranzes. Die jeweils zwei Windladen für Großpedal und die Pedalzungenregister befinden sich dahinter aufgestellt auf einem nur geringfügig niedrigeren Niveau. Das Pfeifenwerk ist durch diese Aufstellung nah zusammengruppiert und verfügt über eine optimale Klangabstrahlung.

Auf den Oberseiten der Windladen bietet sich dem Betrachter ein differenziertes Bild. Der Großteil der Pfeifenstöcke ist unverändert. Auf ihnen befinden sich nach wie vor die originalen Tuschebeschriftungen Englers mit Registerbezeichnung und Tonbeschriftungen für jede Pfeifenbohrung.

Ein kleinerer Teil der Pfeifenstöcke hatte Veränderungen erfahren. Dies betraf insbesondere die Pfeifenstöcke der durch Schlag 1874 auf zusätzliche neue Windladen versetzten Register Viola di Gamba 16’ und Quintaden 16’. Nach dem Ausbau der Schlag’schen Windladen sollte eine Rückversetzung der entsprechenden Register auf ihre ursprünglichen Standorte erfolgen. Die Suche nach den ursprünglichen Positionen der einzelnen Pfeifen auf den stark veränderten Pfeifenstöcken gestaltete sich schwierig. Computertechnologie wurde als Hilfsmittel eingesetzt. Auf Draufsichten von Digitalaufnahmen der Stockoberflächen wurde mittels CAD Layout die Umrisse der jeweiligen Pfeifen gelegt. Durch einen Abgleich der Mittelpunkte der Pfeifenfüße mit den vorhandenen unterschiedlichen Bohrungen konnten deren ursprüngliche Standorte ermittelt werden.

Mit Ausnahme der Tonventile im Rückpositiv und im Großpedal waren die Tonventile vermutlich im 19.Jh. modifiziert worden. Durch das Anbringen von Vorventilen, die in Form von „Huckepackventilen“ auf die ursprünglichen Ventile aufgebracht wurden, sollte die Spielart erleichtert werden. Diese Modifikation wurde rückgängig gemacht. Die ursprünglichen Konturen der Ventile wurden wieder hergestellt.

Modifiziertes Tonventil mit Vorabzug vor der Restaurierung

Modifiziertes Tonventil mit Vorabzug vor der Restaurierung

Tonventil mit rekonstruierter Kontur

Tonventil mit rekonstruierter Kontur

Im Kleinpedal waren die vier Kammertonbässe durch Schlag stillgelegt worden. Dies geschah durch den Ausbau der jeweiligen Registermechaniken und das Abschneiden der Registerschleifen am jeweiligen Windladenende. Die betreffenden Schleifen wurden auf ihre ursprünglichen Längen angelängt. Die Kammertonbässe wurden wieder funktionsfähig hergestellt.

Eine der zahlreichen Besonderheiten, und orgelbautechnischen Einmaligkeiten Englers, stellt die Konstruktionsweise der Windladen der Rückpositive dar. In der Höhe treppenartig abgestuft, erfolgt die Aufstellung der Register vom Prospekt aus aufsteigend nach oben. Die Details ihrer Konstruktion konnten erst mit Hilfe eines Endoskopiegerätes ermittelt werden. In ihrem Ursprung weist diese Konstruktionsform auf die sogenannte gestemmte „Bohlenwindlade“ hin - eine äußerst selten anzutreffende Bauform, die bereits im 18.Jh. unüblich war. Ihre Ursprünge reichen bis in das Zeitalter der Gotik zurück. Nur wenige Beispiele davon sind überhaupt erhalten geblieben.

Die Ton- und Registertraktur

Wollte man die Ton- und Registertraktur mit wenigen Worten beschreiben, müsste man diese als einfach und komplex zu gleich charakterisieren. Beide sind so einfach als möglich angelegt. Doch in der Menge der herzustellenden Verbindungen vom Spieltisch zu den Windladen ergeben sich komplexe Gebilde. Diese zu durchdringen erfordert einigen Aufwand. Allein mit der Betätigung einer einzigen Pedaltaste sind vier Windladen an unterschiedlichen Standorten anzusteuern.

Ton- und Registertrakturen im Innern nach der Restaurierung

Ton- und Registertrakturen im Innern nach der Restaurierung

 

Spieltisch von Innen mit rekonstruierten TontrakturelementenFür den Einbau der Barkermaschine durch Schlag war es notwendig geworden, die Wellenbretter des Haupt- und Oberwerkes einzukürzen. Diese wurden nun stil- und materialgerecht wieder ergänzt. Die Wellenbretter wurden in eingebautem Zustand restauriert. Engler verwendete Eisendrähte und Eisenwinkel in der Tontraktur. Die Verbindungen zwischen Wellenbrett und Tonventilabzügen (Abstrakten) wurden ausgebaut. Die Eisenteile wurden entrostet und mit einer konservierenden Wachsschicht überzogen. In der Registertraktur war neben Restaurierungsarbeiten die Rekonstruktion der Mechaniken der Kammertonbässe zu bewerkstelligen. Hinreichend erhaltene Spuren der durch Schlag vollständig entfernten Mechaniken ließen deren Rekonstruktion in stilgerechter Form zu.

 

Spieltisch von Innen mit rekonstruierten Tontrakturelementen

 

während der Restaurierungsarbeiten

Windanlage

Die Windversorgung der Orgel erfolgt über 7 Keilbälge. Die Bälge weisen jeweils eine Grundfläche von 3200 mm x 1470 mm auf. Die Restaurierung der Bälge und Windkanalanlage erfolgte in Zusammenarbeit mit der Orgelbaufirma Andrzej Kowalewski aus Braniewo. Dabei wurde die verschlissene Belederung der Bälge vollständig erneuert. Ein neuer Gebläsemotor wurde eingebaut. Die Windversorgung der Orgel kann neben dem Gebläsemotor ebenso wie von Alters her durch Bälgetretern (Calcanten) erfolgen. Die Trittstufenanlage der Calcanten weist Spuren starker Benutzung auf. Tiefe Trittmulden im Holz zeugen von lang anhaltender Benutzung. Sie wurden als Teil der gewachsenen Patina des Instrumentes erhalten. Sie stellen einen Teil des gewachsenen Charmes des Instrumentes dar.

Restaurierter Keilbalg Trittstufenanlage für die Bälgetreter

 

Die Rekonstruktionsarbeiten: Ein Überblick

Neben den Restaurierungsarbeiten stellte der rekonstruktive Teil der Arbeiten eine große Herausforderung dar. Die Suche nach Originalvorlagen für die zu rekonstruierenden Klaviaturen und fünf Zungenregister Englers gestaltete sich schwierig. Im prosperierenden Schlesien des 19.Jh. wurden viele Instrumente entweder neu erbaut oder modernisiert. Dem zweiten Weltkrieg fielen weitere Instrumente zum Opfer. Auf Vergleichsinstrumente Englers oder zeitnah entstandene Instrumente aus dem regionalen Umfeld konnte mangels Vorhandensein nicht zurückgegriffen werden. Im Vorfeld der Beschäftigung mit der Grüssauer Orgel war nicht absehbar, welche intensive Auseinandersetzung es bedurfte, um die Spuren der untergegangenen Orgelteile nachzuzeichnen. Anfänglich schien es klar, dass das Schwesterinstrument in Olmütz für viele offene Fragen zum Vergleich heran zu ziehen wäre. Nach und nach stellte es sich jedoch heraus, dass weniger konkrete Informationen ablesbar waren als erhofft. Zu viele Veränderungen hatte das Instrument genau in denjenigen Teilbereichen erfahren, für die dringend Vorlagen gesucht wurden. Das 19. und 20. Jh. hatten auch hier ihre Spuren hinterlassen.
Bei der Spurensuche halfen jedoch glücklicherweise viele kleine, wie einzelne Puzzelsteine sich zusammen fügende Teile, ein tragfähiges Fundament zu bilden.

Der Spieltisch

Das Instrument selbst hielt Überraschungen bereit. Im Innern der Orgel wurden einige originale Tasten der Pedalklaviatur gefunden. Nach diesen konnten die Stichmaße der Pedalklaviatur ermittelt werden. Die Tasten selbst wurden nach deren Restaurierung in die rekonstruierte Pedalklaviatur integriert.

Spieltisch im vorgefundenen Zustand

Spieltisch im vorgefundenen Zustand

Nach dem Ausbau der Manualklaviaturen aus dem Jahre 1873/74 waren an den Auflagern die Proportionen der ursprünglichen Manualklaviaturen ablesbar. Zusammen mit den am Notenpulteinsetzer ablesbaren Höhenproportionen konnten so die Rahmenproportionen der zu rekonstruierenden Manualklaviaturen ermittelt werden. Die Funktionsweise der verloren gegangen Manualkoppeln ist durch eine Beschreibung des Grüssauer Priors Gabriel Maliske (1757-1840) überliefert.

Spieltisch nach der Restaurierung

Spieltisch nach der Restaurierung

Manualklaviatur

Rekonstruierte Stirnkanten der Registerzüge und Knochenplättchen mit eingravierten RegisterbezeichnungenKlaviaturbacken mit Intarsien

Staffelbrett linke und rechte Seite nach der Restaurierung

Staffelbrett linke Seite nach der Restaurierung Staffelbrett rechte Seite nach der Restaurierung

 

Pedalklaviatur mit Pedalkoppelwellenbrett in vorgefundenem Zustand

Pedalklaviatur mit Pedalkoppelwellenbrett in vorgefundenem Zustand

Rekonstruierte Pedalklaviatur

Rekonstruierte Pedalklaviatur

 

Die Zungenregister

Die Englersche Bauweise von Zungenregistern ist untergegangen. Dennoch bestand die Aufgabe darin, fünf durch Schlag entfernte Register zu rekonstruieren. „Posaunen Bass 32 Fuss, Posaunen Bass 16 Fuss, Trompet Bass 8 Fuss, Hautbois 8 Fuss und Trompet 8 Fuss.” Englers Zungenbauweise galt vermutlich schon kurze Zeit nach ihm als veraltet. An keinem bekannten Instrument sind Reste davon erhalten. Bei allen größeren Instrumenten Englers lassen sich Nachweise finden, wann die originalen Zungenregister durch zeitgenössische Neubauten ersetzt wurden. Auch hatte er offensichtlich keine Nachahmer gefunden in deren Werkstätten sich eine auf ihn bezogene Tradition fortgesetzt hätte. Die Hoffnung, mittels eines „Chronologie Gerüstes“ auf der Entwicklungslinie der schlesischen Zungenkultur rückwärts schreitend sich Engler anzunähern, erwies sich als Fehlschluss. Wiewohl diese aufwändige Arbeit geleistet wurde, stand an deren Ende die Erkenntnis, dass regional bezogen durch das 19. Jh. eine Trennlinie läuft. Diese Trennlinie auf der Zeitachse rückwärts schreitend zu überqueren ist nicht möglich. Es fehlt an älteren Bezugspunkten. Die Spuren Englers verlieren sich dort. Damit galt es dieser „klangarchäologischen“ Aufgabe auf anderen Wegen gerecht zu werden.

Die Spurensuche konzentrierte sich auf das Instrument selbst und was an schriftlichen Zeugnissen über Englers Zungenbauweise überliefert ist. Glücksfunde halfen auch hier weiter. Im Innern einer Kanzelle des Rückpositives tauchte ein originales Zungenblatt auf. An Hand dieses Zungeblattes konnte die Legierung des Messings ermittelt werden. Darüber hinaus wurde das Vorhandensein einer Bleiauflage auf Kehlen in Form von erhöhter Bleikonzentration auf einer der beiden Zungenseiten nachgewiesen. Spuren von Halterungen und Konturen von Fußaufnahmen lieferten Indizien für Bauformen von Schallbechern und Stiefeln. Unter den Schallbechern, die von Schlag als Aufsätze für die Durchschlagzungen verwendet wurden, befanden sich Fragmente originaler Englerscher Zungenbecher. In Olmütz tauchten Mensurenaufnahmen und Photographien auf, die vor dem grundlegenden Um- und Erweiterungsbau der dortigen Engler Orgel Anfang der 1960er Jahre angefertigt wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich dort noch Reste von Englerschen Zungen erhalten. Während einer in den 1920er Jahren erfolgten Restaurierung der Engler Orgel in Brieg, wurden die dortigen Mensuren aufgenommen und wenige Photographien angefertigt. Wertvolle Informationen zur Englerschen Mensurationspraxis im Zungenbau konnten daraus gewonnen werden. Erstaunliches wurde dabei zu Tage gefördert. Für heutige Verhältnisse ungewöhnliche Becher- und Kehlenlängen bestätigten die Eigenständigkeit der Englerschen Bauweisen.

6,8 m langer Posaunenen Bass 32' Becher C
während des Einbaus

6,8 m langer Posaunenen Bass 32' Becher CPedalzungen nach der Rekonstruktion

All das zusammen genommen ergab ein, wenn auch nicht lückenloses, so doch ein hinreichend geschlossenes Bild, um eine Rekonstruktion zu untermauern und zu wagen. Damit wurde Grundlagenarbeit geleistet. Diese kommt nicht nur der Grüssauer Orgel zugute. Sie bildet einen Mosaikstein zur schlesischen Orgelforschung. Weitere zu restaurierende oder zu rekonstruierende Instrumente werden davon profitieren können.

Rekonstruierte Trompete 8' Oberwerk

Rekonstruierte Trompete 8' Oberwerk

Rückpositiv vor und nach der Restaurierung

Rückpositiv vor der Restaurierung mit Oboe 8' Durchschlagzunge Schlag 1874Rückpositiv nach der Restaurierung mit Hautbois 8'

 

Intonation

Auf der Suche nach dem ursprünglichen Klang des Instrumentes galt es nicht nur Pfeifen zu rekonstruieren und auf ihre ursprünglichen Standorte zurück zu stellen. Es galt auch möglichst akribisch die Spuren der Englerschen Intonation zu erkennen und zur Grundlage der eigenen Arbeit zu machen. Das von Engler erhaltene Pfeifenmaterial war von Schlag nicht grundsätzlich überformt worden. Es stand somit eine ausreichende Anzahl von aussagekräftigen „Primärfunden“ zur Verfügung. An diesen konnten die Intentionen und die handwerklichen Vorgehensweisen Englers abgelesen werden. Bei Teilen des Pfeifenwerkes waren im Laufe der Geschichte Eingriffe in die Intonation vorgenommen worden. Soweit dies möglich war, wurden diese Eingriffe rückgängig gemacht.

Weitere Bausteine für eine Annäherung an die originale Klanggestalt der Orgel bildeten die Rückführung auf die ursprüngliche Tonhöhe und das Legen einer adäquaten Temperierungsart. Diese musste gleichzeitig die Transponiermöglichkeit des Rückpositivs berücksichtigen. Schlag hatte die ursprüngliche Tonhöhe verändert, indem er versuchte, die Orgel tiefer zu stimmen. Dies war bei offenen Metallpfeifen durch die Anbringung von Stimmlappen auf den Pfeifenmündungen erfolgt. Bei Holzpfeifen waren Seitenbärte angebracht worden. Beides wurde entfernt. Nach dem Begradigen der Mündungen waren insbesondere an gut erhaltenen Prospektpfeifenmündungen Aussagen zur ursprünglichen Tonhöhe ablesbar. Diese Tonhöhe wurde wieder eingerichtet (448 Hz bei 15°C, Winddruck 65 mm WS).

Geschichte ist nicht umkehrbar. Die Arbeiten waren stets von dem Wunsch beseelt, möglichst tief in die Geschichte der Orgel einzudringen, diese zu verstehen und zu verinnerlichen. An deren Bruchstellen anknüpfend, sollte möglichst den Vorstellungen der Erbauer gemäß rekonstruierend eingegriffen werden. Das, was unverändert bis in unsere Tage erhalten blieb, soll möglichst weit in die Zukunft hinüber gereicht werden. Das war und ist ein herausforderndes und spannendes Unterfangen. Dankbarkeit erfüllt uns gegenüber dem Erbauer, vor dessen Leistung wir nach fast zweijähriger Restaurierungsarbeit nach wie vor staunend und als Lernende stehen. Dankbarkeit empfinden wir auch gegenüber den Auftraggebern, die uns diesen Instrumentenschatz zur Restaurierung anvertraut haben. Dankbarkeit fühlen wir auch vor dem Hintergrund der deutsch-polnischen Geschichte. So wie die Geschichte der Orgel nicht umkehrbar ist sondern allenfalls heilend fortgeschrieben werden kann, so mag sie ebenso als Symbol für die Geschichte zweier Länder stehen.

Andreas Hahn, Jehmlich Orgelbau Dresden